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Sommer, Sonne, SUMMERJAM
 „Großes Familientreffen“, „Killer“ sind Attribute, mit denen Patrice den SUMMERJAM beschreibt. Und er muss es wissen, schließlich kennt der 30-jährige Kerpener Europas größtes Reggae-Festival nicht nur aus der Perspektive eines Red-Stage-Headliners, sondern auch aus der des langjährigen, treuen Besuchers. Welchen Artist man auch fragt – die Reaktionen auf den 24. SUMMERJAM sind mindestens begeistert. Ein Festival dieser Größe, perfekt durchorganisiert, mit einem exquisiten, rootslastigen Line Up – auch Legenden des Reggaes kommen da ins Schwärmen. Dazu Sonnenschein und sommerliche Temperaturen von Beginn bis exakt zum Ende, gerne ausgenutzt von 25000 partywilligen Besuchern aus ganz Europa. Ein Festival der Superlative, zu dem etliche bereits Tage vor dem offiziellen Beginn am 3. Juli um 14h angereist waren, um die einmalige Atmosphäre am Fühlinger See möglichst lange genießen zu können. „SUMMERJAM ist eine Lebenseinstellung“, schwärmt Sandra Borchert, Pressesprecherin des Festivals. Recht hat sie.

Freitag

Glen Washington war einer der vielen Artists, die den SUMMERJAM in höchsten Tönen lobten. Seinen zweiten Auftritt auf einem deutschen Festival genoss er sichtlich. Über seine Backingband House of Riddim meint er, er sei wirklich schwer zufrieden zu stellen, aber er liebe es, mit ihnen aufzutreten. Die harmonische Zusammenarbeit kam an beim Publikum. Mr. Washington hätte sich mit dem Line Up auf der Red Stage am Freitag anfreunden können: ein deutscher Artist nach dem anderen, die Reggae auf einem Niveau machen, vor dem selbst der Veteran seinen Hut zieht. Nattyflo, Nosliw, Patrice und Jan Delay (der allerdings eher mit Funk als Reggae aufwartete) – vier deutsche von sieben Artists auf einer Mainstage, das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen und zeigt, das Reggae hierzulande längst zuhause ist. Noch viel bemerkenswerter ist die französische Reggae-Szene, die leider nur mit wenigen Vertretern vor Ort war. Dazu gehört Danakil. Die achtköpfige Formation kann auf über 300 Live-Auftritte zurückblicken. Kein Wunder, dass die Massive abging. Für den Rest des Tages war die Green Stage dann wieder fest in jamaikanischer Hand. Freddie McGregor war mit Chino und Laden aus dem Big Ship Camp angereist und begeisterte mit seinen Big Tunes, aber auch mit Hommagen an Dennis Brown und Bob Marley. Abgelöst wurde er von Horace Andy. Stilistisch in eine ganz andere Richtung ging es anschließend mit Anthony B. Der ließ Rookie Cutty Corn die Massive aufwärmen, bevor er alle Register zog, mit Tunes seiner aktuellen Alben und mit Classics wie „Police“ einen Höhepunkt dieses ersten SUMMERJAM-Tages lieferte.

Samstag

Samstags machten viele Besucher einen weniger ausgeschlafenen Eindruck als am Freitag. Das dürfte zum einen am herausragenden Line Up in der Southpole Dancehall Arena und am Rootcenter auf dem P2 gelegen haben, wo man sich die Nacht auf höchst angenehme Art um die Ohren hauen konnte. Zum anderen ist an Schlaf kaum zu denken, wenn schon früh morgens die Sonne das Zelt zum Backofen werden lässt. Der Stimmung tat das keinen Abbruch – wer lässt sich von Müdigkeit bremsen, wenn abends Bunny Wailer am Start ist? Und wie angenehm man die Wartezeit verbringen konnte. Bei Jondo beispielsweise, der leider ohne Band auftrat – dennoch sehenswert. Oder bei Alborosie, dessen fulminante Show Liegewiesen zu Tanzflächen werden ließ. Auf der Green Stage konnte man zeitgleich Ziggis Auftritt genießen und sich davon überzeugen, wieso er als Reggae Artist Number 1 der Niederlande gilt. Ansonsten war das Programm der Green Stage stilistisch höchst bunt gemixt: Michael Frantis Crossover Style (mit Cherine Anderson als Überraschungsgast!), deutscher Hip Hop (Samy Deluxe mit Band), Tuareg-Rock (Tinariwen aus Mali), 2-Tone-Ska (The Beat), Hip Hop (Arrested Development)… Kurzum: Es gab viel zu entdecken für Musikliebhaber. Schade nur, dass viele Reggae-Fans angesichts des wahnwitzig guten Line Ups auf der Red Stage kaum Zeit dafür hatten. Nach Alborosies Geburtstagsauftritt ging es musikalisch nach Côte d’Ivoire. Tiken Jah Fakoly lieferte – wie üblich – eine energetische, mitreißende Show ab. Schade, dass ein Großteil seiner Lyrics für die meisten Fans in Deutschland unverständlich ist. Die sind überwiegend in Dyoula und Französisch gehalten, und dermaßen politisch-kritisch, dass DER Stern am Afrikanischen Reggae-Himmel Auftrittsverbot im Senegal genießt und nach wie vor im Exil in Bamako lebt, da die Lage in seiner Heimat noch zu unstabil ist. Zurück nach JA ging es für die SUMMERJAM Massive mit Junior Kelly, der einen der sehenswertesten Gigs dieses Festivals spielte und das Publikum bereitmachte für einen der Acts, auf die viele besonders fiebrig gewartet hatten: Buju Banton himself. Dank unzähliger Hetzkampagnen gegen so genannte „Murder Music“ (gerne gefahren von Grünen-Politikern, die kein Problem darin sehen, im Bundestag völkerrechtswidrige Angriffskriege abzusegnen)  sind Auftritte der Voice of Jamaica in Europa leider selten geworden. Gargamel nutzte die Gelegenheit gut und performte Roots Classics wie „Destiny“, Dancehall Classics wie „Champion“, aber auch modernes Material beider Stilrichtungen. Und „Heal the World“ als Hommage an den King of Pop. Unvergesslich bleibt der Auftritt von Bunny Wailer. Nicht nur, weil der letzte lebende Original-Wailer höchst selten in Europa auftritt. Überraschend, wie energievoll der 62-jährige über die Bühne wirbelt. Back to the foundation ist das Motto, was seine Setlist anbelangt. Welchem Reggae-Fan wird es da nicht warm ums Herz?

Sonntag

Was ist schlimmer, als sonntags auf einem Festival aufzuwachen? Genau, das Aufwachen am Montag. Denn einen Tag hat man noch vor sich, immerhin… Und was für einen. Mit U-Roy und Pablo Moses, beispielsweise. Mit Legenden aus Jamaica also, die eigentlich Headlinerpositionen verdient hätten. Die waren allerdings schon von Sly & Robbie mit Bitty McLean, Groundation und UB 40 besetzt. Zwischendrin trat auf der Red Stage noch Baaba Maal auf, der zu den bekanntesten Artists Westafrikas gehört. Mit seinem traditionell klingenden Sound begeisterte er vor allem SUMMERJAM-Besucher mit Westafrikanischen Wurzeln. Er hätte wirklich mehr Publikum verdient, hatte aber harte Konkurrenz auf der Green Stage: Admiral T war im Vorfeld als Geheimtipp gehandelt worden und übertraf trotzdem alle Erwartungen. Der DJ aus Guadeloupe wartete mit einer deftigen Dancehall-Show auf, bei der schon mal Publikum auf der Bühne tanzte. Deutlich ruhiger war Bitty McLeans Auftritt, dessen smoother Lovers Rock zum Easy Skankin‘ einlud. Sly & Robbie garantieren ohnehin gute Shows – leider hatte Robbie einen halben Tune lang Probleme mit dem Verstärker, so dass ausgerechnet der Bass fehlte. Doch das war schnell vergessen. Nach einem ebenso fulminanten Auftritt von Groundation folgten UB40, die ohne Ali Campbell nicht allzu sehenswert sind.

Dancehall-Aficionados kamen am Freitag und Samstag in der Southpole Dancehall Arena voll auf ihre Kosten. Bis in die frühen Morgenstunden traten Soundsystems an, neben den obligatorischen deutschen Systems wie Sentinel, Pow Pow und Soundquake auch besondere Leckerbissen wie Stone Love fram outta Yard.

Wo andere Festivals schlicht zu Ende sind, setzt man beim SUMMERJAM noch einen drauf: traditionell lässt der Veranstalter CONTOUR Music Promotion das Festival mit einem Feuerwerk ausklingen. In diesem Jahr zu den Klängen von „Falling in love“, live performt von UB40 – so manchem Besucher rollten da Tränen über die Wangen. I can’t help falling in love with you SUMMERJAM! See you next year, zum 25. Jubiläum von Europas größtem und feinsten Reggae-Festival. Keep the good vibes! (VZ)