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15. Reggae Jam - Rückblick auf das beliebteste Reggae-Festival
Was für ein Festival! Die Erwartungen waren sehr hoch nach dem überraschenden ersten Platz im riddim-Leserpoll 2009 – und wurden noch übertroffen. In dieses Festival verliebt man sich auf Anhieb. Was macht den Reggae Jam so besonders? Da wäre zum einen das herausragende Line Up, das Dancehall-Fans im siebten Himmel schweben ließ, an dem sich aber auch Roots-Anhänger erfreuen konnten. Da wäre zum anderen die entspannte, geradezu familiäre Atmosphäre. Mit seinen 15000 Besuchern in diesem Jahr gehört der Reggae Jam zu den kleineren der großen Reggae-Festivals in Deutschland. Dank großzügig bemessener Campingflächen wirkt das Festival kleiner, als es eigentlich ist. Und ist es nicht schön, das Auto neben dem Zelt parken zu können, anstatt Gepäck schleppen zu müssen? Und auch Freitagnachmittag noch einen adäquaten Zeltplatz zu finden? Zwar sind die Wege vom Campingplatz zur Hauptbühne teilweise weiter als auf anderen Festivals, angesichts des schönen Wegs am Fluss entlang durch den Wald stört das kaum. Sehr nice ist auch das eigentliche Festivalgelände. Vor der Bühne hat man das Gefühl, auf einer Waldlichtung zu stehen. Nachts im Scheinwerferlicht leuchtet alles grün. Übrigens handelt es sich hierbei quasi um den Garten des Bersenbrücker Amtsgerichts…

Eröffnet wurde der 15. Reggae Jam vom Berlin Boom Orchestra, die dem Publikum mit schnellerem Ska einheizten. Und gesunden politischen Texten, die die gute Kreuzberger Sozialisation der Gruppe nicht verheimlichen. Ohne Umbaupause – gespielt wird abwechselnd auf einer von zwei schräg nebeneinander stehenden Bühnen, so dass sich die Besucher lediglich etwas drehen müssen – ging es weiter mit Junior Tshaka aus der frankophonen Schweiz. Der Gewinner des European Reggae Contest 2009 gefiel mit rootsigem Style und sozialkritischen Texten. Und dann ging es richtig ab: mal mit Band wie Ziggi und Jahcoustix, mal als Soundsystem Show (Determine & Frisco Kid und Bitty McLean). Das ein Auftritt Bitty McLeans mit Soundsystem nicht ganz an eine mit Sly & Robbies Taxigang gespielte Show heranreicht, ist klar, das macht ihn aber nicht weniger sehenswert. Überraschend gut war Jahcoustix‘ Show. Das Diplomatenkind mit dem interessanten Lebenslauf lieferte Roots auf einem Niveau, wie man ihn von deutschen Artists nur selten zu hören bekommt. Curfew war um drei Uhr morgens, deutlich später als auf vergleichbaren Festivals hierzulande, nach einer mitreißenden Show von Horace Andy. Da war easy skankin‘ angesagt. Auf der riddim-Stage (Zeltbühne) ging es noch bis um fünf Uhr weiter mit Dave Rodigan und Sentinel.

Der Samstag bot ein Marathonkonzert von 14 Stunden allein auf der Hauptbühne. Die ersten vier Slots gehörten deutschen Artists. Besonders überzeugte Sebastian Sturm mit der Jinjin Band. Dann ging es mit Joggo in die Niederlande. Den 28-jährigen, mit bürgerlichem Namen Jürgen Seedorf, sollte man im Auge behalten. Auf seiner MySpace-Seite (myspace.com/joggo10) ist ein Link zum Download seines „Beware“-Mixtapes aufgeführt. Joggo lieferte eine Dancehall Show, die es in sich hatte. Dermaßen aufgewärmt war die Massive bereit für Lady Saw, die, ebenfalls mit Soundsystem am Start, eine der energetischsten Shows des Festivals spielte. Sie ließ Festivalbesucher auf der Bühne tanzen und leitete den „jamaikanischen Teil“ des Abends ein, der nur noch von Misty in Roots durchbrochen wurde. Glen Washington lud mit feinsten Lovers Tunes zum easy skankin‘ ein, gebackt von House of Riddim, ohne die kein Reggae-Festival in Deutschland mehr denkbar wäre. Die Jungs aus Österreich spielten auf dem Reggae Jam teilweise für drei Artists hintereinander! Und das immer mit Herz, fokussiert, exakt und sauber. Big up! Es folgte Papa Sans gelungene Europapremiere, der mit christlichen lyrics und Dancehall-Gospel die Hauptstoßrichtung der Nacht vorgab. Von der Lady G allerdings abwich, sowohl stilistisch als auch was ihre Message angeht. Party vom feinsten war das, definitiv ein Höhepunkt des Festivals. Die „Jesus-Schiene“ ritten wieder Bunny General und Lt. Stitchie, beide unterstützt von House of Riddim. Beide Shows waren absolut hörenswert, meist temporeich und mitreißend. Ruhiger wurde es dann bei den beiden Headlinern des zweiten Festivaltages, Misty in Roots und Third World. Wer währenddessen das Publikum beobachtete, konnte durchaus zu dem Eindruck kommen, das diese Kategorie Artists nicht die war, weshalb das Gros der Besucher angereist war – was nicht heißen soll, das traditioneller Roots in Bersenbrück nicht ankommt.

Nice and easy ging es auch am Sonntag weiter mit Ray Darwin, der nach Lion Teeth auftrat. Der Wahl-Hamburger Ray Darwin, der gleichermaßen in der jamaikanischen wie der deutschen Szene aktiv und bekannt ist, begeisterte mit einer rootsigen Show und seiner absolut einmaligen Stimme, die man unbedingt gehört haben muss. Heaven on earth that is! Unverständlich, dass er den ganz großen Durchbruch in JA noch immer nicht geschafft hat. Verdient hätte er es, trust me. Musikalisch in eine völlig andere Richtung ging es anschließend mit Burro Banton, dessen druckvolle Show bei den Dancehall Heads gut ankam. Mit Kirk Davis (aka. Little Kirk) betrat dann ein weiterer Künstler der „Fraktion geläuterter Christen“ die Bühne – wer Reggae bisher hauptsächlich mit Rastafari assoziierte, konnte sich auf diesem Reggae Jam nur verwundert die Augen reiben angesichts der Vielzahl Jesus preisender und Gospel-Ausflüge unternehmender Artists fram outta yard. Zu den vergleichsweise wenigen Rastas auf dem Festival zählt sich Macka B, dessen Show allerdings nur dann lohnenswert war, wenn man sie nicht schon zum x-ten Mal gesehen hat. Abwechslungsreichtum gehört leider nicht zu den Stärken des durchaus talentierten Briten. Ausfallen mussten leider die Shows von Turbulence und Cocoa Tea – laut Veranstalter hatten sie „ihre Flugzeuge verpasst“. JAH sei Dank hatte man aber mit Anthony B eine mehr als würdige Vertretung gefunden. Der Bobo-Dread lieferte mit die beste Show des ganzen Festivals. Wer ihn auf dem SUMMERJAM oder bei seiner Deutschland-Tour im Herbst gesehen hatte, erlebte zwar keine Überraschungen, was die Setlist angeht, aber in Bersenbrück schien er besser in Form zu sein. Einen Abstecher in Sachen contemporary Dancehall gab es noch ein letztes Mal mit Mr. Vegas, bevor dieses rundum gelungene Festival mit einem ruhigen Auftritt von Ali Campbell viel zu früh ausklang. Der Ex-Frontmann von UB 40 sang hauptsächlich deren Klassiker. Auch ihm gefiel der 15. Reggae Jam ganz besonders gut. In seinem MySpace-Blog schrieb er am 10.08.2009: „We have just returned from Germany and the Reggae Jam festival, it was a great vibe, 20,000 people [sic! – lt. Veranstalter 15.000, der Verfasser], all loving their Reggae music, the band and I had a blast and the reactions were fantastic, it was a really well run event and one I would highly recommend visiting, if you want to go to a really good Reggae festival.” [Rechtschreibung und Zeichensetzung durch Verfasser korrigiert] Wer noch nicht genug hatte – es war gerade mal 23h –, musste sich mit Soundsystems auf dem Zeltplatz begnügen. Sehenswert war allerdings noch die Abschlusszeremonie auf der Hauptbühne, die Veranstalter Bernd „Sheriff“ Lagemann dazu nutzte, den unzähligen ehrenamtlichen Helfern zu danken, ohne die das Festival nicht möglich gewesen wäre – ganz zu schweigen von den niedrigen Eintrittspreisen, die anders nicht zu Stande kommen können. Schön, dass viele Bersenbrücker ihre Freizeit opfern, um das in vielerlei Hinsicht beste Reggae-Festival Europas zu organisieren. Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten, besonders an die Artists, an Sheriff und alle, die ehrenamtlich geholfen haben. Wer den Reggae Jam noch nicht kennt, sollte unbedingt nächstes Jahr am Start sein. Wer es schon kennt, wird ohnehin wieder kommen. See you next year, I swear!

Besser als auf anderen Festivals fiel übrigens auch die Polizeibilanz aus. Bis Sonntagnachmittag wurden lediglich zwei Dutzend Delikte gezählt, darunter keine Schlägereien oder schwere Straftaten – das Gros entfiel auf Marihuana oder Drogen (wie auch Alkohol) am Steuer. (VZ)