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CRS 2009 - matschfreies Jubiläum
Nach den Schlammschlachten der vergangenen Jahre geriet der Chiemsee Reggae Summer 2009, passend zum 15-jährigen Jubiläum, zu einem gelungenen Festival mit wenigen Schattenseiten – und das ist wörtlich zu verstehen. Gut 30 Sonnenstunden und Temperaturen um die 30 Grad brachten die 25.000 Besucher auf dem ausverkauften Festival gehörig ins Schwitzen. 22 Bands auf der Hauptbühne und 23 auf der Zeltbühne sorgten für musikalisches Entertainment der Extraklasse. Auf den Open Decks sorgten 31 Soundsystems, DJs und Bands für Unterhaltung, allerdings ließ die musikalische Qualität hier des Öfteren zu wünschen übrig.

Eröffnet wurde das Jubiläumsfestival von Ohrbooten. Die Berliner hatten keine große Mühe, ihr beachtliches Publikum zum Tanzen zu animieren, schließlich haben sich die vier Jungs mit ihrer abwechslungsreichen Show längst eine ordentliche Fanbase erspielt. Sie erinnerten daran, dass der 15. CRS auf den Tag genau 40 Jahre nach dem legendären Woodstock Festival, der Mutter aller Festivals, stattfand. Weiter ging es mit Sebastian Sturm, der ganz oben mitspielt, wenn es um Reggae aus Deutschland geht. Sein klassisch gespielter Roots der goldenen 70er Jahre geht gleichermaßen ins Herz wie in die Beine. Das ist auch das Verdienst der Jin Jin Band, die zum deutschen Reggae-Urgestein gehören. Die Flagge des Roots Reggae hielt auch Tiken Jah Fakoly hoch. Der Ivorer, weltweit bekannt für seine energiegeladenen Auftritte, bewies eindrucksvoll, wieso er als der einflussreichste Afrikanische Reggae-Artist unserer Zeit gehandelt wird. Neben längst zu Klassikern gewordenen Songs wie „Danga“ – darin geht es darum, dass man verloren ist, wenn man von seinen Eltern verflucht wurde – brachte er natürlich auch Nummern seines aktuellen Albums „L’Africain“ wie „Soldier“ und „Foly“. Wie kein anderer kämpft Tiken Jah gegen Neokolonialismus und für die Einheit Afrikas. Es lohnt sich, ihm zuzuhören, schon um eigene Vorurteile, die ein jeder von uns unterschwellig mit sich trägt, loszuwerden. Tiken Jahs Show war eine der besten des ganzen Festivals. Musikalisch in eine ganz andere Richtung führte Busy Signal das Publikum. Der Sänger aus Bounty Killers Alliance-Camp gehört einer neuen Generation an Dancehall-Artists an, die mit ihrem frischem Sound eine kleine Revolution gestartet haben. Seine Chiemsee-Premiere kam gut an. Freitags-Headliner war Jan Delay, bei dem erwartungsgemäß kaum noch durchkommen vor der Bühne war. Im Gepäck hatte er sein neues Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“, wie schon der Vorgänger „Mercedes Dance“ ein Funk-Album. Gewagt war seine Version von „Everybody – Rock your body“ der Backstreet Boys, die dennoch angenommen wurde. Kein anderer vergleichbarer Künstler hätte sich das leisten können! Zu den Highlights auf der Zeltbühne zählten am Freitag Ray Darwin, dessen einmalige Stimme man unbedingt gehört haben muss – Gänsehautmomente –, und Nattyflo.

Leider recht schwach besucht war die Show von Sixth Revelation, was hoffentlich nur an der enormen Hitze lag. Die vier Jamaikaner gehören fast schon zum Inventar des CRS, haben sie doch schon auf dem ersten gespielt. Neben der Single „Jamaica Jamaicans“, die hoch oben in den jamaikanischen Charts positioniert ist (die Veröffentlichung in Europa steht noch aus), durfte natürlich der Festivalsong „Chiemsee Reggae Summer Festival“ nicht fehlen. Von vielen mit Spannung erwartet worden war der Auftritt von Collie Buddz, der aufgrund einer Verspätung bei der Anreise nicht rechtzeitig anfangen konnte und dementsprechend kurz ausfiel. Weiter ging es mit Turbulence, dem blutjungen Mitglied der Xterminator Familie, das dennoch auf bereits um die 20 Alben verweisen kann. Singstil und Stimme von Turbulence erinnern an Sizzla Kalonji, dennoch hat er seinen eigenen Stil gefunden. Leider spielte auch Turbulence viel zu kurz. Ein weiteres Festivalhighlight war Max Romeos Show. Mit Klassikern wie „Uptown Babies Don’t Cry“, „War Inna Babylon“, „I Chase the Devil“ und „One Step Forward“ ließ er die Herzen von Fans des guten alten Roots Reggaes höher schlagen. Sein Trompeter hatte sich die Oberlippe an einer Bonaqua-Flasche aufgerissen und daher sichtlich zu kämpfen, hören konnte man das zum Glück nicht. „So etwas ist mir noch nie passiert“, meinte er nach der Show, und dachte darüber nach, gegen den Hersteller zu klagen. Schon zum dritten Mal hintereinander spielten Mono & Nikitaman auf der Hauptbühne des CRS. Auch wenn es schlechtere Konzerte zu sehen gab, das hätte wirklich nicht sein müssen. Deutlich interessanter und mitreißender war die Show von T.O.K, die eindrucksvoll zeigten, was „Party Jamaican Style“ bedeutet. Zu Beginn waren die Mics deutlich zu leise, dann wurde nachgebessert und man konnte Alex, Flexx, Bay-C und Craigy T gut vernehmen. Alex begeisterte die Fans mit deutschen Shoutouts. Peinlicherweise sprachen die Jungs das Publikum mit „Munich“ an, was der Stimmung keinen Abbruch tat. Hits wie „Gal You Ah Lead“ und „Galang Gal“ wurden textsicher von der Massive mitgesungen. Für „She’s Hotter“ holten die vier eine sehr gut aussehende Jamaikanerin aus dem Publikum auf die Bühne und demonstrierten, was daggering ist und wie man back ah yard tanzt. Neben weiteren Big Tunes aus dem „Unknown Language“-Album wie „Footprints“ performte die Crew aus Kingston auch Tunes aus „Our World“, dem Album, das am 25.08.09 in die Läden kommt. Watch out for it! Headliner des zweiten Festivaltages war Hans Söllner, der sein 30-jähriges Bühnenjubiläum beging. Mit seinen Schimpftiraden auf die allzu zahlreich anwesenden Vertreter der Judikative dürfte er den allermeisten Festivalbesuchern aus dem Herzen gesprochen haben. Auf der Zeltbühne war besonders sehenswert der Auftritt von Ziggi, der mit der Renaissance Band angereist war.

Trotz brütender Hitze war die Show von Irie Révoltés, die am Sonntag den zweiten Slot spielten, überraschend gut besucht. Die Französisch-deutsche Combo aus Heidelberg weiß, wie man ordentlich Stimmung macht, und bringt mit ihren hochpolitischen, antifaschistischen Lyrics dennoch eine Message rüber. Schön, dass Irie Révoltés endlich auf der Hauptbühne auftreten durften! Nicht verpasst haben sollte man den Auftritt von Dub Inc. Mit ihrer unorthodoxen Mischung aus Reggae, Dub, Hip Hop, Arabischen und Afrikanischen Sounds boten die Franzosen aus St. Étienne ein sehr viel breiteres und interessanteres Spektrum an Klängen als viele Jamaikanische Dancehall-Artists, die nur die üblichen Standard-Riddims voicen. Ein ganz besonderer Leckerbissen war das Konzert von Tosh meets Marley, dass nur dann noch besser hätte sein können, wenn Peter und Bob persönlich anwesend gewesen wären. Musiker wie Fully Fullwood und Junior Marvin, die selber Legendenstatus genießen, performten die besten Tunes der Reggae-Giganten wie „Coming in Hot“, „Equal Rights/Downpressor Man“ und „Jammin“. Weiter ging es mit Macka B, der eine solide Show spielte. Gespannt erwartet worden war auch die Show von Third World. „96 Degrees“, „Now That We Found Love“ – welcher echte Reggae-Fan kann da nicht auswendig mitsingen? Die legendäre Band (von der Originalbesetzung sind allerdings nur noch zwei Mitglieder übrig) wusste zu überzeugen. Das größte Publikum des ganzen Festivals konnte Peter Fox ziehen – kein Wunder, ist der Chiemsee Reggae Summer mittlerweile leider dafür bekannt, ein Publikum anzuziehen, das wenig Ahnung von Reggae hat (in diesem Jahr war es allerdings etwas besser als in den Vorjahren). Seine Fans waren eher enttäuscht von seiner Performance. Sehr viel besser gefiel die Show von Junior Kelly, die das Festival, zumindest auf der Hauptbühne, würdig abschloss. Jamaican Dancehall and Modern Roots vom allerfeinsten begeisterten Kenner und alle die, die noch nicht abgereist waren. Sein Smash Hit „If Love So Nice“ fehlte natürlich nicht. Auf vergleichbaren Festivals wäre jetzt Schluss gewesen, auf dem CRS konnte man sich glücklicherweise noch bis vier Uhr morgens gut amüsieren. Bei Rubber Cell zum Beispiel – einer lokalen Ska-Combo, die wohl als die Neuentdeckung des Festivals bezeichnet werden kann. Mit vierstimmigen, druckvollen Bläsersätzen und feinen Basslines brachte die Band, die keine fünf Kilometer Anreiseweg zurücklegen musste, dass mit circa 4.500 Menschen immer noch sehr gut gefüllte Zelt zum kochen. Dub Spencer und Trance Hill beendeten dann endgültig den 15. Chiemsee Reggae Summer.

Zu den Schattenseiten des Festivals gehörte der ausnahmslos viel zu leise eingestellte Bass, der selbst direkt vor der Bühne kaum spürbar war. Generell war der Sound nach zehn Uhr abends viel zu leise, wer auch nur etwas von der Bühne entfernt stand, hatte selbst bei den Headlinern Probleme, die Lyrics zu verstehen. Das Line Up war in diesem Jahr besser als in den Vorjahren, ein Besuch durchaus lohnenswert, trotzdem kann der Chiemsee Reggae Summer nicht mehr mit anderen etablierten Reggae Festivals wie dem SUMMERJAM, Reggae Jam oder dem Rototom Sunsplash mithalten – weder was Line Up, noch Preis-Leistungs-Verhältnis und Atmosphäre angeht. Ein vollkommen überzogener Polizeieinsatz drückte ebenfalls die Stimmung. Nach Angaben des zuständigen Pressesprechers der Polizei waren „um die 100 Einsatzkräfte“ im Dienst – jedem Besucher ist klar, dass diese Angabe geradezu dreist untertrieben ist. Aus Polizeikreisen weiß ReggaeLive.eu, dass mindestens 300 zivile Einsatzkräfte vor Ort waren. Immerhin gab es in diesem Jahr weniger Probleme mit alkoholisierten Jugendlichen. Generell war das diesjährige Festival deutlich friedlicher als das letztjährige – es gab keine Vergewaltigungen und größere Schlägereien. Hoffen wir, dass sich der CRS in den nächsten Jahren weiter positiv entwickelt und wieder zu der Größe findet, die es 2002 und 2003 hatte. (VZ)