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Von Schlamm und Legenden ein Rückblick auf den 14. CRS
Musikalische Weltreise mit Offbeat Airlines

Gut 25.000 Fans kamen dieses Jahr wieder zum Chiemsee Reggae Summer nach Übersee, um drei Tage lang eine Funky Reggae Party zu feiern, wie sie Europa selten erlebt. Shaggy, Headliner am Samstag: "Die beste Reggae-Party Deutschlands!"
Wer nicht selber dabei war, wird kaum glauben, wie die Massive trotz mindestens knöcheltiefem Schlamm auf praktisch dem gesamten Gelände abging. Ein Großteil der Besucher hatte zwar Gummistiefel dabei, bei dem strömenden Regen freitags und samstags wären aber Schlauchboote die bessere Wahl gewesen. Festivalsprecher Michael Buchholz kommentierte die Schlammschlachten auf dem Gelände mit den Worten: "Hoffentlich müssen wir jetzt nicht noch eine Kurtaxe entrichten!"
Über 40 Artists auf drei Bühnen, von feinstem Roots Reggae über Modern Roots hin zu Dancehall alles für den Reggae-Connaisseur, etwas Hip-Hop für den Mainstream-Geschmack - deswegen war man gekommen! Vom grandiosen Auftakt mit Daddy Rings und Natty King, backed by House of Riddim, bis zum überwältigenden Finale mit der "Royal Family of Reggae", Morgan Heritage, verwandelten Künstler und Besucher das Festival in drei geniale Reggae Nights hintereinander. Mainstream-Menge und Teenie-Mädels gingen ab bei Deichkind, Reggae Fans genossen Dancehall performed by Tanya Stephens. Patrice stellte sein neues Album "Free-Patri-Ation" vor, sang aber auch Tunes seiner älteren Werke. Was Entertainment auf jamaikanisch bedeutet, führte Beenie Man vor. Temporeiche Stimmungsmache, dem always party lakka dat ah Yard, yuh nuh see? Besondere Leckerbissen auf der Zeltbühne freitags waren The Heptones, die mit conscious Roots Tunes "the teachings of His Majesty" verbreiteten, bis ihnen die Köpfe rauchten - im wahrsten Sinne des Wortes! Zum ersten Mal begrüßen durfte die Chiemsee Massive Pierpoljak aka Pekah, der in seiner Heimat Frankreich der einheimische Reggae Artist überhaupt ist. Mit seinen gefühlvollen, authentischen Songs begeisterte er auch bei uns. Seine Musik wird in Westafrika und der Karibik längst im Radio gespielt.

Am Samstagvormittag dann das Event für hunderte Locals: Bradley's H spielten auf der Hauptbühne. Längst über die Grenzen Oberbayerns hinaus bekannt, war dieser Auftritt für die sieben Jungs aus dem Chiemgau doch eine Art Ritterschlag und lang herbeigesehntes Highlight zugleich. Trotz sieben Jahre Bühnenerfahrung waren sie vor dem Konzert aufgeregt. Davon merkte das Publikum nichts, im Gegenteil: es feierte eine temporeiche, mitreißende Party irgendwo zwischen Reggae, Dub, Dancehall und Ska. Gleich zwei ehemalige Lead-Sänger von Black Uhuru traten am Samstag auf der Hauptbühne auf. Den Anfang machte Don Carlos, der 1973 Mitbegründer der legendären Roots Band war. Leider ohne Sly und Robbie, dafür gebackt von Dub Vision, präsentierte er "strictly Roots and Culture". Von Jamaica nach Deutschland in einer halben Stunde: auf dem CRS ist alles möglich. Mit Nosliw ging es zu Modern Roots und Dancehall mit deutschsprachigen Lyrics. Der gebürtige Bonner versteht es, einerseits eine klare, uplifting Message rüberzubringen, politisch Stellung zu beziehen, andererseits gute Stimmung zu verbreiten. Nächste Station: California. An Bord des Reggae Trains für eineinhalb Stunden: Groundation. "Unsere Musik ist sperrig, ist extrem fordernd, unsere Songs sind sechs bis sieben Minuten lang - das ist nichts fürs Radio oder MTV, aber unsere Mission geht jeden Tag weiter. Und jeden Tag gibt es mehr Menschen, die mit uns gehen, unsere Botschaft und unseren unerschütterlichen Optimismus mit in die Welt tragen." Das sagt Harrison Stafford, Lead-Sänger der Formation und ehemaliger Professor für Geschichte des Reggae an einem College in CA, U.S. Und tatsächlich - wer Groundation hört, muss sich konzentrieren. Als Belohnung gibt es eine erstklassige Mischung aus Reggae und Jazz. Mono & Nikitaman führten das große Publikum, das sie sich in den letzten Jahren erspielt hatten, musikalisch in Richtung Jamaica, textlich in Richtung benachbarte Alpenrepublik. Ihr Erfolg liegt wohl auch darin begründet, dass sich ein Großteil der Festivalbesucher in den Lyrics wiederfinden kann, im Gegensatz zu Dancehall aus Jamaica spiegeln ihre Texte die Erfahrungen vieler im Publikum wider. Eine besondere Ehre war der Auftritt von Junior Reid, der zweite ehemalige Black-Uhuru-Lead-Sänger an diesem Samstag. Neben alten, immer noch modern klingenden Black-Uhuru-Klassikern wartete er unter anderem mit seinem Mega-Hit "One Blood" auf, mit seiner Hit-Single "No One" (bekannt geworden als Combination mit Alicia Keys) und einer Cover-Version von Michael Jacksons "Earth"-Song, der das Original deutlich übertrifft. Shaggy, Headliner des zweiten Festival-Tages, holte ihn noch einmal zurück auf die Bühne. Shaggy feierte die Party des Festivals überhaupt. Es ist schön, dass es mittlerweile in Deutschland möglich ist, mit Reggae die Charts zu stürmen. Und Shaggys Show war typisch jamaikanisch!
Eher langweilig war dagegen der Auftritt von Jamaram am Sonntag, wenig mitreißend, schlecht besucht. Einen babylonischen Stilmix brachten Panteón Rococó mit. Die Jungs aus Mexico mischen Salsa, Merengue, Ska, Rock, Reggae und Mariachis mit einem ordentlichen Schuss Punk. Mit Clueso ging es wieder in Richtung deutscher Hip-Hop. Auch wem das nicht zusagt - seine Texte lohnen es, zuzuhören. "Back ah Yard" ging es mit Ce'cile. Sie lieferte eine sexy Show voller Slackness-Lyrics ab und stellte ihr neues, sehr hörenswertes Album "Bad Gyal" vor. Mit Ijahman Levi schlug wieder die Stunde der ganz großen Legenden. "Conscious Rasta teachings" von einem Freund Bob Marleys, hinterlegt mit feinen Roots-Riddims - der 62-jährige ist einer der begnadetsten Artists überhaupt. Culcha Candela sind der lebende Beweis dafür, dass Multikulturalität nicht nur bestens funktioniert, sondern auch richtig Spaß macht. Trotz ihres enormen Erfolges sind die sieben Jungs aus Berlin noch auf dem Boden geblieben. Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, konnte einige von ihnen auf dem Festivalgelände antreffen, wo beispielsweise Johnny sein Projekt "Africa Rise" promotete. Der fulminante, weit herausragende Auftritt von Morgan Heritage war ein würdiger Abschluss des 14. Chiemsee Reggae Summers. Roots vom Feinsten, dazu uplifting Messages - ein musikalisches Großfeuerwerk für jeden Reggae-Nerd! Es war der erste Auftritt der "Royal Family of Reggae" am Chiemsee, aber sicher nicht der letzte. Das stand für Morgan Heritage schon fest, bevor sie die Bühne betraten. "Das findet man ganz selten. Hier wird extrem viel für die Künstler und für das Publikum gemacht", kommentierten sie die professionelle Organisation.
Apropos Organisation: Trotz des Abpumpens von 250 Kubikmetern Wasser am Sonntagmorgen und des Ausbringens sämtlicher im Umkreis verfügbarer Heuballen gelang es den Veranstaltern nicht, das Gelände auch nur annähernd bequem begehbar zu gestalten. Im nächsten Jahr wird der Veranstalter daher Maßnahmen ergreifen, damit das Gelände auch nach zwei Tagen Dauerregen noch begehbar bleibt. Dazu wird die Befestigung von Teilen des Geländes und der Hauptwege gehören.  
Der nächste Chiemsee Reggae Summer wird vom 14.08. bis 16.08.09 in Übersee stattfinden. (VZ)